Wie Lernen funktioniert – Teil 3

Die Spannung steigt! Wird Steffi heute endlich erklären, was sie hier und hier so dramatisch angekündigt hat?

Na klar. Ewig will ich das nicht hinauszögern, denn das wäre schon irgendwie doof, oder?

Kommen wir also zu Bluma. Nein, ich meine nicht die Brause. Bluma Zeigarnik war eine grandiose Wissenschaftlerin. Eine Kurzfassung ihres Lebenslaufs hat die Humboldt-Universität veröffentlicht. Etwas ausführlicher berichtet kulturring.org.

Im Rahmen ihrer Doktorarbeit erforschte Bluma Zeigarnik, wie sich der Status einer Handlung auf die Gedächtnisleistung auswirkt. Unter dem Titel “Das Behalten erledigter oder unerledigter Handlungen” veröffentlichte sie 1927 das Ergebnis ihrer Studien, die einen später nach ihr benannten Effekt bestätigten.

Und nun komme ich endlich zum Punkt.

denkende Frau

Der Zeigarnik-Effekt

Man erinnert sich besser an unerledigte, noch offene Aufgaben als an erledigte, abgeschlossene Aufgaben.

In Fernsehserien wird dieser nach Bluma Zeigarnik benannte Effekt genutzt, indem man die Folge an einer spannenden Stelle unterbricht und erst in der Fortsetzung auflöst – natürlich nicht, ohne wieder einen neuen Spannungsbogen aufzubauen. Umgangssprachlich nennen wir das Cliffhanger. So bringt man das Publikum dazu, bei der nächsten Folge wieder einzuschalten.

Wie kam Bluma Zeigarnik darauf? In der Zeit, als sie auf der Suche nach einem Thema für ihre Doktorarbeit war, trafen sich Professoren und Studenten auch schon mal im Café, um zu diskutieren und sich auszutauschen. Es waren die 1920er Jahre in Berlin. Bei einem solchen Treffen fiel ihr und ihrem Professor Lewin auf, dass die Kellner sich hervorragend jede Bestellung merken konnten und dem Gast immer das von ihm Bestellte servierten und sich auch beim Kassieren noch an die ganze lange Liste der bestellten Getränke erinnern konnten. Sobald die Rechnung allerdings beglichen war, konnten sie sich nicht mehr daran erinnern, was der Gast bestellt hatte. Das fanden die beiden so erstaunlich, dass Bluma Zeigarnik dieses Phänomen im Rahmen ihrer Dissertation untersuchen wollte.

Und wie erklärt man sich das nun? Die Theorie lautet: Unser Gehirn möchte offene Aufgaben gern abschließen und hält sie darum präsent. Man kann sich vorstellen, dass durch die Aufgabe eine Spannung aufgebaut wird, als würde man an einem Gummiband oder einer Feder ziehen. Das Gehirn möchte gern in den entspannten Zustand zurück. Diesen erreicht es, sobald die Aufgabe erledigt ist – das Gummiband oder die Feder schnipsen in ihren Ursprungszustand zurück. Die erledigte Aufgabe ist nicht mehr wichtig, das Gehirn konzentriert sich auf anderes. So lange die Aufgabe aber unerledigt war, spukte sie im Kopf umher und suchte nach Aufmerksamkeit.

Im Rahmen Ihrer Studien ermittelte Bluma Zeigarnik, dass unerledigte Handlungen zu 90% besser im Gedächtnis bleiben als erledigte. Faszinierend.

Wie nutzen wir das für das Lernen in der Ausbildung oder beim Studium?

Wie viele Menschen haben direkt nach der Klausur den Stoff vergessen, der eben noch abgefragt wurde? Im Unterricht diskutierten wir, ob es evt. sinnvoll wäre, sich schon während des Lernens klarzumachen, dass man diesen Stoff auch noch in der Abschlussprüfung in zwei oder drei Jahren oder während des anschließenden Jobs brauchen wird. Man könnte also versuchen, den Lernstoff bewusst zu einer unerledigten Handlung zu machen. Ich kann mir vorstellen, dass es hilfreich ist, sich bewusst zu machen, wie wichtig das gerade erworbene Wissen in der Zukunft noch sein wird. Die Teilnehmer waren davon weniger überzeugt.

Die zweite Idee, die wir im Unterricht entwickelten, war in den Augen der Teilnehmer schon wesentlich praktikabler: Man könnte in den Lernvorgang Cliffhanger einbauen, um sich selbst das Lernen spannender zu machen und das Wissen besser im Kopf zu verankern. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Es ist nun an uns, den Zeigarnik-Effekt beim Lernen auszuprobieren.

 

Foto von: alphaspirit / 123RF Lizenzfreie Bilder

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