Auch im hohen Alter können wir noch lernen – das Gehirn bleibt jung, wenn wir einiges beachten

Es war viel zu lange ruhig hier. Vor allem, wo ich so viel Spannendes entdeckt habe, das es zu berichten gilt. Geht ja mal gar nicht!

Beginnen wir mit der phänomenalen Erkenntnis, dass das Gehirn auch in hohem Alter noch wachsen kann. Und mit der Behauptung, dass oft selbst schuld ist, wer im Alter schusselig wird. Und mit der faszinierenden Rita Levi-Montalcini.

Über 100 Jahre alt und immer noch aktiv

Wer kennt Rita Levi-Montalcini?

Ich muss zugeben, dass ich auch erst neulich über diese beeindruckende Wissenschaftlerin stolperte. (Natürlich im übertragenen Sinne…) Zunächst erstaunte mich, welch hohes Alter sie erreichte.

Sie wurde 103 Jahre alt und hatte ein bewegtes, sehr spannendes Leben. Sie war die erste Nobelpreisträgerin, die diesen Preis erhielt und mindestens 100 Jahre alt wurde. Bis zu ihrem 85. Lebensjahr ging sie noch täglich in ihr Institut für Neurobiologie.

Damit ist auch langsam klar, welchem Forschungsgebiet sie sich in ihrer wissenschaftlichen Karriere widmete. Der Start war allerdings alles andere als einfach. Zunächst besuchte sie auf Wunsch ihres Vaters lediglich eine höhere Töchterschule. Mit dem Abschluss dieser Schule war es unmöglich ein Studium aufzunehmen.

Als ihr ehemaliges Kindermädchen an Krebs erkrankte, entschloss sich Rita mit 19 Jahren Medizin zu studieren. Hierfür musste sie zunächst die Aufnahmeprüfung bestehen, denn sie hatte ja kein Abitur. An der Universität Turin (Italien) rasselte sie während der Aufnahmeprüfung für externe Kandidaten zwar in der Geographieprüfung durch, wurde aber trotzdem zum Studium zugelassen. Welch ein Glück!

Geboren wurde Rita Levi-Montalcini gemeinsam mit ihrer Zwillingsschwester im April 1909. Sie entstammte einer jüdischen Familie, was ihr Leben spätestens mit Beginn des zweiten Weltkriegs erheblich erschwerte. Sie studierte von 1930 bis 1936 Medizin. Als sie dieses Studium abgeschlossen hatte, wurde sie aber im faschistischen Italien nicht zu akademischen Positionen zugelassen.

Sie verließ Italien und lebte für eine Weile in Belgien. Auch hier wurde es bald zu gefährlich, so dass sie nach Turin zurückkehrte und gemeinsam mit ihrer Familie versteckt in einer Wohnung lebte. Es war eine gefährliche und entbehrungsreiche Zeit, in der sie auch mehrmals umziehen mussten, unter anderem nach Florenz.

Trotzdem ließ sich Ritas Forscherdrang nicht zügeln und so improvisierte sie im Schlafzimmer ein Labor und erforschte an Hühnerembryonen deren Extremitätenausbildung. Sie war von einem 1934 erschienenen Artikel des Forschers Viktor Hamburger dazu inspiriert worden, der ebenfalls an Hühnerembryonen geforscht hat. Dies wurde die Grundlage ihrer späteren Forschungsarbeiten.

Nach Kriegsende arbeitete Rita in einem Flüchtlingslager als Ärztin, kehrte aber wenige Monate später nach Turin zurück. Dort trat sie eine Assistenzstelle am Anatomischen Institut an und begann ein Biologiestudium. Drei Jahre später zog es sie in die USA, wo sie die Funktion des Nervensystems erforschte. Professor Viktor Hamburger hatte sie eingeladen, ihre Experimente an den Hühnerembryonen gemeinsam fortzusetzen. Die Forschung war so erfolgreich, dass aus den eigentlich geplanten zehn bis zwölf Monaten in St. Louis mehrere Jahre wurden, in denen sie in den USA eine akademische Karriere machte, bevor sie nach Italien zurückkehrte. Ab 1962 hielt sie sich zeitweise in Rom und zeitweise in den USA auf.

Von 1969 bis 1979 leitete sie u. a. in Rom das Laboratorium für Zellbiologie des Nationalen Forschungsrates – also von ihrem 60. bis zu ihrem 70. Lebensjahr.

1986 wurde sie für die Entdeckung des Nervenwachstumsfaktors mit dem Nobelpreis für Medizin ausgezeichnet – nur einer von vielen Preisen und Würdigungen, die sie im Laufe ihres Lebens erhielt.

Bis ins hohe Alter war sie akademisch und politisch sehr engagiert.

Alter als Chance

Aufgrund ihrer Forschungen war sie überzeugt, dass sich das Gehirn auch noch im Alter entwickeln kann. Es hat eben nichts mit Stillstand und Vergreisung zu tun, wenn man alt wird. Wichtig ist, sein Leben aktiv zu leben und niemals aufzuhören, nachzufragen.

Sie sagte: „Der Körper macht, was er will. Ich bin nicht der Körper, ich bin das Gedächtnis.“ Sicher hat man manchmal keinen Einfluss darauf, wie es einem gesundheitlich geht. Das hindert einen aber nur selten daran, etwas für sein Gedächtnis und seine geistige Entwicklung zu tun.

Zu diesem Thema veröffentlichte sie auch ein Buch: “Ich bin ein Baum mit vielen Ästen”, in dem sie ausführlich erklärt, wie man das Alter als Chance nutzen sollte.

Gehirn fit halten

Wichtig ist, rechtzeitig anzufangen. Wer geistig träge wird und sich tagein, tagaus mit den gleichen Dingen beschäftigt, braucht sich über Stillstand im Alter nicht zu wundern.

Wichtig ist auch, seinem Gehirn Impulse zum Lernen zu bieten. Neues ausprobieren, bereit zum Lernen sein.

Das Gehirn ist wie ein Muskel, der trainiert werden muss, damit er nicht abschlafft. Es stimmt eben nicht, dass nach der Kindheit keine neuen Nervenverbindungen mehr entstehen. Auch das hat die Forschung von Rita Levi-Montalcini ergeben. Wir müssen unser Gehirn regelmäßig stimulieren und es zu mehr benutzen, als sich den Einkaufszettel zu merken.

Wer mehr über die Wissenschaftlerin erfahren möchte, dem sei unter anderem ihr autobiographischer Beitrag auf der Nobelpreiswebseite zum Lesen empfohlen. (Englisch)

Dort gibt es auch ein Interview zu sehen.

Auf wikipedia sind unter anderem ihre zahlreichen Auszeichnungen aufgelistet.

Gehirnjogging – oder: warum du etwas für deine Fitness tun solltest

Wer heute keinen Sport macht, hat in zwanzig Jahren ein kleineres Gehirn.

Zu diesem erstaunlichen Ergebnis kam eine Studie von Dr. Nicole Spartano an der Boston University School of Medicine’s.

Über einen Zeitraum von zwanzig Jahren wurden Personen beobachtet, die zu Beginn der Studie ca. 40 Jahre (und damit am Ende ca. 60 Jahre) alt waren.

Dabei fand man heraus, dass das Hirnvolumen umso geringer war, je schlechter die Ausdauer des Probanden zu Beginn des Versuchs.

Je schneller der Blutdruck und die Herzfrequenz bei Belastung zu Beginn der Studie anstiegen, umso deutlicher war der Unterschied am Ende der Studie zu den körperlich fitten Teilnehmern. Die Fitness der Teilnehmer bewirkte einen eindeutigen Unterschied in ihren kognitiven Fähigkeiten, als sie älter wurden.

Was lernen wir daraus? Sport ist doch kein Mord. Im Gegenteil.

Bewegung tut gut und sorgt nicht nur für körperliche Fitness, sondern trägt auch dazu bei, unsere geistige Gesundheit bis ins hohe Alter zu erhalten.

Weitere Informationen (auf englisch) gibt es hier und hier.

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Es ist übrigens leicht, etwas für seine Ausdauer zu tun. Dazu muss man sich nicht im Fitnessstudio anmelden oder irgendwelche Kurse besuchen. Es reicht, ein paarmal pro Woche an die frische Luft zu gehen und sich zu bewegen – joggen, walken, skaten, Ski fahren, Basketball oder Tennis spielen, rudern, segeln…

Also los, rein in die Laufschuhe und schnell eine Runde um den Block gedreht. Ich komm mit!

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Wie Lernen funktioniert – Teil 2

Neulich erzählte ich hier von meinem Unterricht bei den Azubis. Wir beschäftigten uns mit dem Thema Lernen und wie man es sich leichter machen kann.

Welcher Aspekt erschien den Teilnehmern denn nun besonders spannend?

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Es ging hierbei um unser Erinnerungsvermögen. Wenn wir uns ein Ereignis vergegenwärtigen, dann hilft es, sich gedanklich in die Situation zu begeben. Wir schließen die Augen und gehen im Kopf an den Ort und in die Zeit, als es geschah. Die Situation wird lebendig, wir nehmen viel mehr Details wahr.

Diesen Effekt kann man wunderbar auch für das Lernen nutzen. Es ist hilfreich, den Lernort zu variieren, um dem Gehirn mehr Reize zu bieten, mit denen es den Stoff verknüpfen kann. So fällt uns im Ernstfall (was in der Regel die Prüfung bzw. Klausur ist) mehr Faktenwissen ein, wenn wir uns gedanklich an die verschiedenen Lernorte versetzen. Klingt komisch, oder? Die meisten von uns haben bisher sicher eher so gelernt, dass sie am immer gleichen Schreibtisch in möglichst ruhiger Umgebung saßen. Jedoch fand man nun in Studien heraus, dass der Kontext (also die Lernumgebung) das Lernen positiv beeinflussen kann. Man muss es nur nutzen.

Eine Teilnehmerin bestätigte dies auch im Unterricht. Sie erzählte von einer Klausur, wo ihr der Stoff wieder einfiel, als sie sich das Lied in Erinnerung rief, dass sie während des Lernens gehört hatte. Großartig.

Wie nutzen wir das nun also für uns? 

Bei jeder wiederholenden Lernsitzung verändern wir etwas, um unserem Gehirn viel Abwechslung zu bieten. Statt in Jogginghose mal im Schlafanzug oder in festlicher Kleidung lernen, statt zuhause mal im Café, im Garten oder auf dem Balkon, statt auf kariertem Papier mit Kugelschreiber mal auf liniertem mit Bleistift schreiben, statt Stille mal mit Musik im Hintergrund… Das Gehirn verknüpft den Lernstoff mit vielen verschiedenen Hinweisreizen und kann ihn dadurch besser abrufen.

Diesen Effekt fanden die Teilnehmer am allerinteressantesten. Aber welcher ist denn nun dieser andere grandiose Effekt, den ich im letzten Beitrag ankündigte? Dazu nächstes Mal mehr.

 

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Wie Lernen funktioniert

Schaut man von oben auf das Gehirn, dann ähnelt es einer riesigen Walnuss. Seine Farbe ist rosagrau und die Oberfläche ist runzelig. Wenn man es anfasst, dann fühlt es sich so ähnlich wie ein Pudding an.

Dies war der Einstieg in meine heutige Unterrichtsstunde zum Thema Lernen. Ich muss gestehen, dass ich mir noch nie Gedanken über die Konsistenz des Gehirns gemacht hatte. Dies kam erst durch die Vorbereitung auf den Unterricht.

Erstaunlich, was die schwabbelige Walnuss, die wir in unserem Kopf herumtragen, so leisten kann. Die Teilnehmer erfuhren heute einige spannende Ergebnisse aus der Gehirnforschung, die wir versucht haben, auf das Lernen während der Ausbildung zu übertragen.

Es ging heute also nicht um die Funktionsweise des Gehirns im allgemeinen, sondern mehr darum, wie man sich das Lernen möglichst leicht machen kann.

Besonders interessant finde ich in diesem Zusammenhang die Illusion der Abrufflüssigkeit.

Die Abrufflüssigkeit zeigt an, wie schnell oder leicht etwas aus dem Gedächtnis abgerufen werden kann. Wir neigen hierbei dazu, unser Wissen zu überschätzen. Das heißt, wenn wir einen Fakt oder eine Information gelernt haben und wiedergeben können, dann glauben wir, dass das morgen oder übermorgen oder sonst irgendwann genauso gut klappen wird. Das ist aber genau nicht so. Wir verdrängen nur zu gern, dass wir auch vergessen.

Darum ist es sinnvoll, insbesondere zur Klausurvorbereitung wiederholende Lernsitzungen zu machen – und zwar am besten, indem man sich selbst testet. Je mehr sich das Gehirn anstrengen muss, um eine Information abzurufen, umso fester wird sie im Gedächtnis verankert. Diese Wirkung hat Robert A. Bjork gemeinsam mit seiner Frau Elizabeth Ligon Bjork in Studien erforscht und daraus eine Theorie entwickelt.

Die Einzelheiten dieser Theorie haben wir im Unterricht nicht im Detail besprochen. Aber die Quintessenz, die wir zogen, ist wiederum sehr interessant: Den besten Lernerfolg erzielt man, wenn man den Stoff komplett neu durchdenken muss. Das funktioniert zum Beispiel durch Testfragen (man könnte zum Üben alte Klausuren oder einen selbst gebastelten Multiple Choice Test lösen) oder indem man den Stoff für sich selbst neu strukturiert. Man könnte also seine Mitschriften aus dem Unterricht beiseite legen und versuchen, das im Unterricht Erlernte selbst noch einmal (aus dem Gedächtnis) aufzuschreiben – so wie ich diesen Text hier gerade frei formuliere – oder vielleicht in eine Mindmap, eine ABC-Liste oder ein selbst entwickeltes Schema zu packen.

Dies waren nur zwei Aspekte, die wir heute besprochen haben. Was die meisten Teilnehmer am allerinteressantesten fanden, beschreibe ich ein anderes Mal, denn dieser Text ist ja nun wirklich schon sehr lang. Es geht hierbei um den Einfluss der Lernumgebung auf das Lernergebnis. Und indem ich das hier nur ankündige, aber nicht auflöse, mache ich mir zugleich einen weiteren grandiosen Effekt zunutze. Welcher das wohl ist?