psychologischer Effekt: Was Vertrauen erzeugt

Eine große Firma irgendwo in Deutschland. Viele Büros reihen sich in einem langen Flur aneinander. Es gibt viel zu tun.

Die Kollegin aus dem Büro vom einen Ende des Flures (nennen wir sie Marianna) trifft man ständig auf dem Gang oder in der Cafeteria. Vielleicht hat sie eine empfindliche Blase? Oder sie bewegt sich gern und bringt deshalb die Post schon zwischendurch immer mal wieder weg oder holt sich einen Kaffee? Egal. Sie erledigt ihre Arbeit trotzdem fleißig.

Die Kollegin vom anderen Ende des Flures dagegen (lassen wir sie Corinna heißen) verbringt ihren Arbeitstag überwiegend in ihrem Büro. Sie arbeitet auch fleißig einen Vorgang nach dem anderen ab, aber ist nur selten auf dem Flur anzutreffen. Man sieht sie auch nie in der Kantine oder am Kaffeeautomaten.

Ihre Chefin soll sich nun entscheiden, welche der beiden eine Beförderung erhält. Beide erbringen gleich gute Leistungen und haben von ihrer direkten Vorgesetzten eine hervorragende Beurteilung erhalten – trotzdem wird sich die Chefin mit großer Wahrscheinlichkeit für Marianna entscheiden. Warum?

Die unterschwellige Wirkung der Begegnung

Es liegt an einem interessanten Effekt, den der Psychologe Robert Zajonc 1968 entdeckt hat. Durch die wiederholte Begegnung mit einem Menschen entsteht eine Vertrautheit, die die Einstellung zu diesem Menschen positiv beeinflusst. Voraussetzung ist, dass die erste Begegnung auch positiv besetzt war.

Man nennt dieses psychologische Phänomen Mere-Exposure-Effekt oder auf deutsch Effekt des bloßen Kontakts. Dieser Effekt tritt übrigens nicht nur bei Personen, sondern auch bei Dingen oder Situationen auf. Und es reicht völlig, wenn die Wahrnehmung nur unterschwellig erfolgt.

Wenn also Marianna regelmäßig über den Flur läuft, begegnet sie dabei bestimmt auch das ein oder andere Mal der Chefin. Die nimmt sie vielleicht nicht einmal bewusst wahr, aber sie wird ein Gefühl der Vertrautheit mit Marianna empfinden, wenn sie sich zwischen ihr und Corinna – die sie nie sieht – entscheiden muss. Marianna wird ihr sympathischer und besser geeignet erscheinen.

Was machen wir daraus?

Wir können dieses Phänomen nutzen. Wie wäre es zum Beispiel, wenn wir bei jemandem, den wir um ein Date bitten wollen, zunächst dafür sorgen, dass er oder sie uns ein paarmal gesehen hat? Natürlich sollte es möglichst keine negative Begegnung sein.

Auch die Bewerbung um eine neue Stelle kann durch den Mere-Exposure-Effekt positiv beeinflusst werden.

Sicher mag es oft nur ein Grund von vielen sein, warum sich jemand für dich entscheidet. Und in manchen Situationen wird die Auswirkung des Effektes nur marginal sein oder gar keine Rolle spielen. Und doch fand ich es so interessant, dass ich es hier einmal vorstellen wollte.

Fällt dir noch eine Gelegenheit ein, wo sich das Phänomen auswirken könnte?

 

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