Man kann auch aus Negativbeispielen lernen

Am Donnerstag und Freitag war ich auf einer Tagung, wo es Vorträge und Workshops rund ums Lernen geben sollte. Na, und natürlich auch gab.

Der erste Tag sollte zu 75% von einem Trainer gestaltet werden, dessen Thema laut Ankündigung “Umgang mit schwierigen Situationen im Unterricht” sein sollte.

Nun. Das Wort “sollte” deutet schon an, dass es wahrscheinlich nicht ganz wie geplant ablief. Ich berichte in Auszügen: Der Dozent kam nicht nur zu spät (was an sich entschuldbar ist und jedem passieren kann), er war offensichtlich auch auf ein völlig anderes Thema (oder gar nicht?) vorbereitet.

Zunächst erzählte uns dieser Herr, dass Trainer einen Vortrag oder Workshop üblicherweise damit beginnen, von ihren Erfolgen und Kunden zu sprechen und dass das meist sehr ausufernd und kein guter Stil sei und dass er uns das ersparen wolle – nur, um dann selbst eine halbe Ewigkeit lang darüber zu reden, wer alles schon zu seinen Kunden zählte und welche Videos er bei YouTube und welche Präsentationen er schon bei Slideshare veröffentlicht hat. Uff.

Dieses Verhalten zog sich durch seine gesamte Präsentation. Er sagte, was man niemals tun sollte, wenn man ein guter Dozent oder Präsentator sein möchte – und prompt tat er es selbst. Als hätte er sich eben nicht zugehört. Doppeluff. Weitere Beispiele spare ich mir und berichte stattdessen einfach mal, wie es weiterging.

Thema verfehlt und Redeschwall

Nach der einigermaßen irritierenden Begrüßung begann der Trainer endlich seinen Vortrag. Wir schauten nicht schlecht, als die erste PowerPoint-Folie aufploppte. Dort stand als Überschrift nämlich “Generation Y”. Und er sprach dann auch tatsächlich eine ganze Weile zu diesem Thema. Bis sich ein Zuhörer meldete und ihm mitteilte, dass dieses Thema zwar sehr interessant sein mag, aber wir eigentlich etwas anderes erwartet haben.

Große Augen schauten uns an. Da hatten wir ihn doch tatsächlich für einen kurzen Moment sprachlos gemacht.

Zeichnung - Männerkopf mit Fragezeichen

Die Pause währte allerdings nur kurz. Dann quasselte er weiter. Es war bewundernswert, wie er ohne Unterlass reden konnte. Das schaffe ja nicht einmal ich! Zwischendurch schaute er immer mal wieder schwitzend und mit halb verzweifeltem Blick auf die Uhr. Und redete und redete… Nur irgendwie nicht so wirklich zum Thema. Es hatte alles keine Substanz, bot keine wirklichen Informationen.

Auf die angekündigte Gruppenarbeit warteten wir vergeblich. Und auf kleine Pausen auch. Er begann die Mittagspause sogar dreißig Minuten später als laut Ablaufplan vorgesehen. Das muss man sich als Dozent, der eigentlich gerade gar nichts zu sagen hat, erstmal trauen. Wir vermuteten im Nachhinein, dass er nicht nur das Thema nicht kannte, sondern sich auch nicht wirklich über den geplanten Ablauf informiert hatte.

Und trotzdem blieben wir die ganze Zeit freundlich und niemand begehrte auf, weil wir alle sehen konnten, wie sehr er leidet. Es war einfach zu offensichtlich, dass dieser Tag komplett in die Hose gegangen ist.

Das Erlebte reflektieren, um daraus zu lernen

Ich überlegte im Nachhinein, ob das wirklich so war. Also, ob dieser Tag komplett in die Hose gegangen ist. Da wurde mir bewusst, dass es eben nicht so ist. Der “Nichtworkshop” dieses Herrn war ein Negativbeispiel, an dem man lernen kann, wie man es lieber nicht machen sollte.

Und dass wir alle erkannten, wo der Trainer sich noch verbessern oder was er anders machen kann, zeigte uns Zuhörern, wie gut wir inzwischen offenbar in unserem eigenen Unterrichten geworden sind und wie hoch unser Anspruch an Trainer und Dozenten geworden ist. (Der Vortrag wurde während der gesamten Tagung natürlich ausführlich diskutiert.)

Tja, und was habe ich, was haben wir gelernt? Zum Beispiel dies:

  • Rede nicht so viel über dich selbst – außer, du hast etwas wirklich spannendes zu berichten (das am besten auch noch irgendwie mit dem Thema zu tun hat).
  • Wenn du merkst, dass du das Thema verfehlt hast, stehe offen dazu. Das kann dich durchaus sympathischer machen. Sammle dich und versuche mit dem, was dein Repertoire hergibt, noch einen Vortrag oder Workshop zu zaubern, der den Teilnehmern etwas bringt.
  • Schreibe auf Flipcharts leserlich.
  • Sprich laut (genug) und deutlich.
  • Mache genügend Pausen und halte dich an den vorgegebenen Zeitrahmen.

Im Grunde genommen sollte man es im Leben immer so halten, wie wir es mit diesem Nichtworkshop taten: Von jedem Menschen, auf den du triffst, kannst du etwas lernen.

 

(Foto: privat)

Die Farbe des Gehirns

Wir sagen gern auch mal “die grauen Zellen” zu unserem Gehirn. Aber ist das Gehirn wirklich grau?

Dieser Frage widmet sich ein Beitrag auf der Webseite der Zeitschrift “Gehirn und Geist”.

Um es kurz zu machen: Die Nervenzelle an sich hat keine Farbe, wenn man sie unter dem Mikroskop anschaut. Im Gehirn selbst gibt es aber verschiedenfarbige Bereiche.

Ja, tatsächlich. Es gibt grau und weiß und schwarz und blau und beige-rosa und rot. Zum Teil liegt es an Stoffen, die im Gehirn gebildet werden. Zum Teil daran, wie stark ein Bereich durchblutet ist oder wie viel Eisen er benötigt.

Spannend, oder?

Neues zu lernen klappt mit Vorwissen besser

Das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung veröffentlichte auf seiner Webseite das Ergebnis einer interessanten Studie.

Demnach hilft Vorwissen, Neues zu lernen.

Diese Feststellung konnte in einem Experiment nachgewiesen werden. Hierbei bereiteten sich Medizinstudenten 100 Tage lang auf das Staatsexamen vor. Hierzu nutzten sie eine webbasierte Lernplattform. 

Drei Monate und kurz vor dem Examen wurden sie im MRT jeweils einem Test unterzogen. Die Aufgabe war, sich jeweils die Gesichter von Personen einzuprägen und zwar einmal mit dazugehörigen medizinischen Diagnosen und in einer anderen Version mit dazugehörigen Vornamen.

Das Ergebnis: Als sie die Gesichter wieder sahen, konnten sie sich besser an die Diagnose zum Gesicht erinnern als an den Vornamen. 

Da sie durch das Üben mit dem Lernprogramm medizinisches Vorwissen angereichert hatten, fiel es ihnen leichter, sich die Diagnosen zu merken. Man sagt, sie hatten durch das vorherige intensive Lernen eine “verbesserte Gedächtnisleistung für medizinverwandte Informationen, nämlich für die Verknüpfung von Gesicht und Diagnose”. 

Im MRT konnte auch direkt festgestellt werden, welche Gehirnbereiche diese positiven Effekte bewirken.

Für mich stellt sich nun die Frage, wie man das nutzen kann? 

Ich schließe zum Beispiel daraus, das man neu zu lernende Fakten oder Sachverhalte möglichst mit etwas Bekanntem verbinden sollte, um das Lernen zu erleichtern. Als Lehrende sollte man sich bei der Vorbereitung des Unterrichts am Vorwissen der Teilnehmer “bedienen”, also versuchen irgendwie einen Anknüpfungspunkt zu finden. Das ist manchmal eine Herausforderung, kann aber bestimmt den Lernprozess verbessern… 

Oder wie sehr ihr das? 

 

Auch im hohen Alter können wir noch lernen – das Gehirn bleibt jung, wenn wir einiges beachten

Es war viel zu lange ruhig hier. Vor allem, wo ich so viel Spannendes entdeckt habe, das es zu berichten gilt. Geht ja mal gar nicht!

Beginnen wir mit der phänomenalen Erkenntnis, dass das Gehirn auch in hohem Alter noch wachsen kann. Und mit der Behauptung, dass oft selbst schuld ist, wer im Alter schusselig wird. Und mit der faszinierenden Rita Levi-Montalcini.

Über 100 Jahre alt und immer noch aktiv

Wer kennt Rita Levi-Montalcini?

Ich muss zugeben, dass ich auch erst neulich über diese beeindruckende Wissenschaftlerin stolperte. (Natürlich im übertragenen Sinne…) Zunächst erstaunte mich, welch hohes Alter sie erreichte.

Sie wurde 103 Jahre alt und hatte ein bewegtes, sehr spannendes Leben. Sie war die erste Nobelpreisträgerin, die diesen Preis erhielt und mindestens 100 Jahre alt wurde. Bis zu ihrem 85. Lebensjahr ging sie noch täglich in ihr Institut für Neurobiologie.

Damit ist auch langsam klar, welchem Forschungsgebiet sie sich in ihrer wissenschaftlichen Karriere widmete. Der Start war allerdings alles andere als einfach. Zunächst besuchte sie auf Wunsch ihres Vaters lediglich eine höhere Töchterschule. Mit dem Abschluss dieser Schule war es unmöglich ein Studium aufzunehmen.

Als ihr ehemaliges Kindermädchen an Krebs erkrankte, entschloss sich Rita mit 19 Jahren Medizin zu studieren. Hierfür musste sie zunächst die Aufnahmeprüfung bestehen, denn sie hatte ja kein Abitur. An der Universität Turin (Italien) rasselte sie während der Aufnahmeprüfung für externe Kandidaten zwar in der Geographieprüfung durch, wurde aber trotzdem zum Studium zugelassen. Welch ein Glück!

Geboren wurde Rita Levi-Montalcini gemeinsam mit ihrer Zwillingsschwester im April 1909. Sie entstammte einer jüdischen Familie, was ihr Leben spätestens mit Beginn des zweiten Weltkriegs erheblich erschwerte. Sie studierte von 1930 bis 1936 Medizin. Als sie dieses Studium abgeschlossen hatte, wurde sie aber im faschistischen Italien nicht zu akademischen Positionen zugelassen.

Sie verließ Italien und lebte für eine Weile in Belgien. Auch hier wurde es bald zu gefährlich, so dass sie nach Turin zurückkehrte und gemeinsam mit ihrer Familie versteckt in einer Wohnung lebte. Es war eine gefährliche und entbehrungsreiche Zeit, in der sie auch mehrmals umziehen mussten, unter anderem nach Florenz.

Trotzdem ließ sich Ritas Forscherdrang nicht zügeln und so improvisierte sie im Schlafzimmer ein Labor und erforschte an Hühnerembryonen deren Extremitätenausbildung. Sie war von einem 1934 erschienenen Artikel des Forschers Viktor Hamburger dazu inspiriert worden, der ebenfalls an Hühnerembryonen geforscht hat. Dies wurde die Grundlage ihrer späteren Forschungsarbeiten.

Nach Kriegsende arbeitete Rita in einem Flüchtlingslager als Ärztin, kehrte aber wenige Monate später nach Turin zurück. Dort trat sie eine Assistenzstelle am Anatomischen Institut an und begann ein Biologiestudium. Drei Jahre später zog es sie in die USA, wo sie die Funktion des Nervensystems erforschte. Professor Viktor Hamburger hatte sie eingeladen, ihre Experimente an den Hühnerembryonen gemeinsam fortzusetzen. Die Forschung war so erfolgreich, dass aus den eigentlich geplanten zehn bis zwölf Monaten in St. Louis mehrere Jahre wurden, in denen sie in den USA eine akademische Karriere machte, bevor sie nach Italien zurückkehrte. Ab 1962 hielt sie sich zeitweise in Rom und zeitweise in den USA auf.

Von 1969 bis 1979 leitete sie u. a. in Rom das Laboratorium für Zellbiologie des Nationalen Forschungsrates – also von ihrem 60. bis zu ihrem 70. Lebensjahr.

1986 wurde sie für die Entdeckung des Nervenwachstumsfaktors mit dem Nobelpreis für Medizin ausgezeichnet – nur einer von vielen Preisen und Würdigungen, die sie im Laufe ihres Lebens erhielt.

Bis ins hohe Alter war sie akademisch und politisch sehr engagiert.

Alter als Chance

Aufgrund ihrer Forschungen war sie überzeugt, dass sich das Gehirn auch noch im Alter entwickeln kann. Es hat eben nichts mit Stillstand und Vergreisung zu tun, wenn man alt wird. Wichtig ist, sein Leben aktiv zu leben und niemals aufzuhören, nachzufragen.

Sie sagte: „Der Körper macht, was er will. Ich bin nicht der Körper, ich bin das Gedächtnis.“ Sicher hat man manchmal keinen Einfluss darauf, wie es einem gesundheitlich geht. Das hindert einen aber nur selten daran, etwas für sein Gedächtnis und seine geistige Entwicklung zu tun.

Zu diesem Thema veröffentlichte sie auch ein Buch: “Ich bin ein Baum mit vielen Ästen”, in dem sie ausführlich erklärt, wie man das Alter als Chance nutzen sollte.

Gehirn fit halten

Wichtig ist, rechtzeitig anzufangen. Wer geistig träge wird und sich tagein, tagaus mit den gleichen Dingen beschäftigt, braucht sich über Stillstand im Alter nicht zu wundern.

Wichtig ist auch, seinem Gehirn Impulse zum Lernen zu bieten. Neues ausprobieren, bereit zum Lernen sein.

Das Gehirn ist wie ein Muskel, der trainiert werden muss, damit er nicht abschlafft. Es stimmt eben nicht, dass nach der Kindheit keine neuen Nervenverbindungen mehr entstehen. Auch das hat die Forschung von Rita Levi-Montalcini ergeben. Wir müssen unser Gehirn regelmäßig stimulieren und es zu mehr benutzen, als sich den Einkaufszettel zu merken.

Wer mehr über die Wissenschaftlerin erfahren möchte, dem sei unter anderem ihr autobiographischer Beitrag auf der Nobelpreiswebseite zum Lesen empfohlen. (Englisch)

Dort gibt es auch ein Interview zu sehen.

Auf wikipedia sind unter anderem ihre zahlreichen Auszeichnungen aufgelistet.

Erstens kommt es anders…

… und zweitens als man denkt.

Da hatte ich mir für den Montag extra Urlaub genommen, weil wir etwas unternehmen wollten und dann wird das Söhnchen am Wochenende krank und liegt mit Fieber flach.

So war das aber nicht geplant!

Zunächst überlegte ich daraufhin, meinen Urlaubstag zurückzugeben und doch ins Büro zu gehen. Aber dann dachte ich mir, dass so ein Tag zuhause auch schön sein kann und kuschelte mich mit Söhnchen im Schlafzimmer ein. Wir lasen Bücher, spielten, hörten Hörbücher und zwischendurch machte Söhnchen immer mal wieder ein Nickerchen. Er genoss es sichtlich, keinen Plan zu haben und den Tag dahinplätschern zu lassen.

Ich fand es auch einen wunderbaren Tag und bin froh, zuhause geblieben zu sein. Unseren Ausflug werden wir trotzdem machen. Irgendwann. Vielleicht lieber spontan.

Extrem entgegenkommend

Heute hatte ich auf dem Weg zur Arbeit eine unheimliche Begegnung. Mir kam doch tatsächlich ein Auto AUF MEINER SPUR entgegen.

Ich wollte es erst gar nicht recht glauben und dachte, ich würde mich täuschen. Wer ist morgens um kurz vor sechs schließlich schon richtig wach? Aber nein, das Auto fuhr tatsächlich auf meiner Spur – nur in die völlig falsche Richtung. Da wird einem irgendwie warm, wenn man das bemerkt.

Zum Glück wechselte er kurz vor mir auf seine Fahrbahn. Wirklich Glück, denn ich hätte auch gar nicht so gut ausweichen können, da auf der Nebenspur auch Autos fuhren und ich vor Schreck gar nicht wusste, wohin und überhaupt und so.

Sowas ist mir noch nie passiert. Und ehrlich gesagt kann ich auf derartige erste Male auch gut verzichten.

Gehirnjogging – oder: warum du etwas für deine Fitness tun solltest

Wer heute keinen Sport macht, hat in zwanzig Jahren ein kleineres Gehirn.

Zu diesem erstaunlichen Ergebnis kam eine Studie von Dr. Nicole Spartano an der Boston University School of Medicine’s.

Über einen Zeitraum von zwanzig Jahren wurden Personen beobachtet, die zu Beginn der Studie ca. 40 Jahre (und damit am Ende ca. 60 Jahre) alt waren.

Dabei fand man heraus, dass das Hirnvolumen umso geringer war, je schlechter die Ausdauer des Probanden zu Beginn des Versuchs.

Je schneller der Blutdruck und die Herzfrequenz bei Belastung zu Beginn der Studie anstiegen, umso deutlicher war der Unterschied am Ende der Studie zu den körperlich fitten Teilnehmern. Die Fitness der Teilnehmer bewirkte einen eindeutigen Unterschied in ihren kognitiven Fähigkeiten, als sie älter wurden.

Was lernen wir daraus? Sport ist doch kein Mord. Im Gegenteil.

Bewegung tut gut und sorgt nicht nur für körperliche Fitness, sondern trägt auch dazu bei, unsere geistige Gesundheit bis ins hohe Alter zu erhalten.

Weitere Informationen (auf englisch) gibt es hier und hier.

sport_gehirn

Es ist übrigens leicht, etwas für seine Ausdauer zu tun. Dazu muss man sich nicht im Fitnessstudio anmelden oder irgendwelche Kurse besuchen. Es reicht, ein paarmal pro Woche an die frische Luft zu gehen und sich zu bewegen – joggen, walken, skaten, Ski fahren, Basketball oder Tennis spielen, rudern, segeln…

Also los, rein in die Laufschuhe und schnell eine Runde um den Block gedreht. Ich komm mit!

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psychologischer Effekt: Was Vertrauen erzeugt

Eine große Firma irgendwo in Deutschland. Viele Büros reihen sich in einem langen Flur aneinander. Es gibt viel zu tun.

Die Kollegin aus dem Büro vom einen Ende des Flures (nennen wir sie Marianna) trifft man ständig auf dem Gang oder in der Cafeteria. Vielleicht hat sie eine empfindliche Blase? Oder sie bewegt sich gern und bringt deshalb die Post schon zwischendurch immer mal wieder weg oder holt sich einen Kaffee? Egal. Sie erledigt ihre Arbeit trotzdem fleißig.

Die Kollegin vom anderen Ende des Flures dagegen (lassen wir sie Corinna heißen) verbringt ihren Arbeitstag überwiegend in ihrem Büro. Sie arbeitet auch fleißig einen Vorgang nach dem anderen ab, aber ist nur selten auf dem Flur anzutreffen. Man sieht sie auch nie in der Kantine oder am Kaffeeautomaten.

Ihre Chefin soll sich nun entscheiden, welche der beiden eine Beförderung erhält. Beide erbringen gleich gute Leistungen und haben von ihrer direkten Vorgesetzten eine hervorragende Beurteilung erhalten – trotzdem wird sich die Chefin mit großer Wahrscheinlichkeit für Marianna entscheiden. Warum?

Die unterschwellige Wirkung der Begegnung

Es liegt an einem interessanten Effekt, den der Psychologe Robert Zajonc 1968 entdeckt hat. Durch die wiederholte Begegnung mit einem Menschen entsteht eine Vertrautheit, die die Einstellung zu diesem Menschen positiv beeinflusst. Voraussetzung ist, dass die erste Begegnung auch positiv besetzt war.

Man nennt dieses psychologische Phänomen Mere-Exposure-Effekt oder auf deutsch Effekt des bloßen Kontakts. Dieser Effekt tritt übrigens nicht nur bei Personen, sondern auch bei Dingen oder Situationen auf. Und es reicht völlig, wenn die Wahrnehmung nur unterschwellig erfolgt.

Wenn also Marianna regelmäßig über den Flur läuft, begegnet sie dabei bestimmt auch das ein oder andere Mal der Chefin. Die nimmt sie vielleicht nicht einmal bewusst wahr, aber sie wird ein Gefühl der Vertrautheit mit Marianna empfinden, wenn sie sich zwischen ihr und Corinna – die sie nie sieht – entscheiden muss. Marianna wird ihr sympathischer und besser geeignet erscheinen.

Was machen wir daraus?

Wir können dieses Phänomen nutzen. Wie wäre es zum Beispiel, wenn wir bei jemandem, den wir um ein Date bitten wollen, zunächst dafür sorgen, dass er oder sie uns ein paarmal gesehen hat? Natürlich sollte es möglichst keine negative Begegnung sein.

Auch die Bewerbung um eine neue Stelle kann durch den Mere-Exposure-Effekt positiv beeinflusst werden.

Sicher mag es oft nur ein Grund von vielen sein, warum sich jemand für dich entscheidet. Und in manchen Situationen wird die Auswirkung des Effektes nur marginal sein oder gar keine Rolle spielen. Und doch fand ich es so interessant, dass ich es hier einmal vorstellen wollte.

Fällt dir noch eine Gelegenheit ein, wo sich das Phänomen auswirken könnte?

 

Warum ein neugieriges Kind ein schlauer Erwachsener wird und was wir dafür tun können

Für Kinder ist die Welt ein einziges großes Abenteuer. Nahezu alles ist spannend und erforschenswert. Sie haben jede Menge Fragen und manch ein(e) Erwachsene(r) findet den kindlichen Wissensdurst anstrengend, weil man mit dem Antworten kaum hinterherkommt.

Die Frage lautet nun: Muss ich überhaupt antworten?

Der Pädagoge Salman Ansari hat ein spannendes Plädoyer gegen den Frühförderwahn geschrieben: “Rettet die Neugier”. Ich habe das Buch vor einer Weile gelesen und fand es sehr interessant. Die Experimente, die er mit Kindergartenkindern gemacht hat, sind großartig. Ansari rät, Fragen von Kindern nicht einfach zu beantworten, so dass sie “die eine Wahrheit” hören, sondern Fragen zum Anlass zu nehmen, die Neugier der Kinder zu fördern.

Neulich erzählte mir mein Sohn beispielsweise von seiner Beobachtung, dass ein Gegenstand, der weit weg ist, kleiner aussieht, als wenn er nah ist. Ich hätte ihm jetzt das Prinzip der Perspektive erklären können. Aber damit hätte ich ihm eine vorgefertigte Antwort gegeben und seine Forscherneugier erstickt. Wozu? Er hat doch alle Zeit der Welt. Er ist ein Kind und kann das Wort für dieses Kleiner-größer-Ding irgendwann lernen. Wir haben erst einmal beschlossen, das weiter zu untersuchen. Ob das auf alle Gegenstände zutrifft. Und ob es anders ist, wenn es dunkel oder hell ist. Und ob das Wetter eine Rolle spielt. Ob es einen Unterschied macht, wenn es ein Lebewesen und kein Gegenstand ist. Und wer weiß, was uns noch einfallen wird…

waldspaziergang

Ein anderes Forscherexperiment: Letztes Jahr im Herbst haben wir untersucht, was im Wasser schwimmt und was nicht. Wir haben im Park vor unserem Haus immer wieder alles mögliche ins Wasser geworfen, was wir dort gefunden haben – Steine, Kastanien, Stöcke, Federn, Blätter – und geschaut, was passiert. Irgendwann wird er lernen, dass es den Auftrieb gibt. Da hat er es aber schon erforscht und wird die Theorie aufgrund seiner praktischen Erfahrung hoffentlich besser verstehen.

Warum ist Neugier so gut?

Im Jahr 2011 untersuchte die Londoner Psychologin Dr. Sophie von Stumm die Prüfungsleistungen von Studenten in Abhängigkeit von deren Neugier und Intelligenz. Die Studie ergab, dass die Abschlüsse umso besser ausfielen, je größer die Neugier des Studenten war. Und das war auch noch unabhängig vom Intelligenzquotienten.

Neugier ist der fundamentale Antrieb für Lernen. Kinder werden mit einer natürlichen Neugier geboren. Das ist einfach wunderbar. Leider wird sie ihnen allzu oft abtrainiert. Erst von Eltern, die auf “warum” mit “darum” antworten, anstatt sich auf die Erlebniswelt des Kindes einzulassen, dann von der Schule, die den Kindern Antworten auf Fragen vorgibt, die sie selbst gar nicht gestellt haben.

Neugier ist wichtig und macht schlau. Kinder sind eine wunderschöne Gelegenheit, seine eigene Neugier wieder hervorzukramen und die Welt zu erkunden.

 

(Foto: privat)

Trennst du dich oder trennst du dich nicht?

Heute las ich auf der Webseite der Zeit einen Artikel von Harald Martenstein über “magische Gegenstände”.

Er greift dort ein interessantes Thema auf, das mich auch schon manches Mal beschäftigt hat: Es gibt Menschen, die haben eine geradezu katalogreife Wohnung – alles ist aufgeräumt, die Möbel passen perfekt zum Teppich und den sonstigen Einrichtungs- und Dekorationsgegenständen. Persönliche Gegenstände, Fotos, Nippes, Andenken oder sonstiger “Kram” sind hinter Schranktüren verdammt oder einfach gar nicht erst vorhanden. Es gibt sogar Menschen, die nach dem Prinzip des Minimalismus leben, entrümpeln, auf Konsum zum Zeitvertreib verzichten und nur das Nötige besitzen wollen.

Auch die aktuelle Single von Silbermond singt vom leichten Gepäck, dass man sich von Ballast befreien soll und eigentlich viel weniger braucht, als man denkt.

Nur wie wenig braucht man wirklich? Ich meine hier insbesondere Dinge mit persönlichem Bezug. Bei Harald Martenstein ist es zum Beispiel ein “kleines grünes Töpfchen mit Hautsalbe”, welches für ihn eine Verbindung in der Vergangenheit darstellt, als sein Vater noch lebte. Solche Dinge habe ich auch. Allerdings jede Menge. Ich verbinde mit vielen Dingen eine Erinnerung und frage mich daher manchmal, ob meine Wohnung – ja länger mein Leben andauert und sich mit Erinnerungen füllt – nicht irgendwann überläuft.

Aber von was soll man sich trennen? Sollte man sich überhaupt von “Erinnerungskram” trennen? Welche Erinnerung soll nur noch im Kopf bestehen und welche soll an einem Ding hängen bleiben, welches man in die Hand nehmen, hin- und herräumen, entstauben, dran riechen und als Erinnerungsstütze nutzen kann?

Zum Glück habe ich noch Platz in der Wohnung.